7 mai 1990
Basler Zeitung
Reinhardt Stumm
Jetzt-faellt-aber-die-Wand-um
Jetzt fällt aber die Wand um!
Johann Kresnik, Gottfried Helnwein und "Marat/Sade" in Stuttgart
Damals wie jetzt war freilich auch ein zweiter Mann ganz wesentlich beteiligt. Der Wiener Malermonteur Gottfried Helnwein, ein dunkellockiger, engelhaft lieb aussehender Kunstbube, dessen Einfälle sogar abgebrühte Illustriertenmacher in tiefe Depressionen stürzen. In Stuttgart inszenierte Kresnik das offenbar unverwüstliche, jetzt eben wieder neu entdeckte Theaterstück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss. Und Gottfried Helnwein erfand die Bühne und die Kostüme dazu. Zweifellos nicht nur dieses. Die Zusammenarbeit der beiden Herren ergab auch diesesmal einen Synergieeffekt, der das Ganze zu mehr macht als zu einer Summe der Teile.
The Persecution and Murder of Jean Paul Marat
1989
Wenn es die Schwaben mal gepackt hat, kennen sie keine Grenzen. Knappe zwei Stunden tobte auf der Bühne des Kleinen Hauses im Stuttgarter Staatstheater am Samstag abend die Materialschlacht gegen den Bürgerwahn vom Wohlleben, dann waren alle wie aus dem Wasser gezogen - Schauspieler, Sänger und Zuschauer.
Johann Kresnik war da. Ein Mann des Tanztheaters. Mittlerweile freilich ist er längst Hansdampf in allen Theatergassen, zweifellos der einfallsreichste aus dieser Frauendomäne. Seine Bremer Inszenierung von "Ulrike Meinhof" (vgl. BaZ vom 13.2.90) gastiert nächste Woche auf Einladung der Theatertreffenjury in Berlin. Damit steht Kresnik schon zum zweiten Mal auf der internationalen Bestenliste der Regiekünstler. Vor zwei Jahren hatten Heidelberger Theatergänger Alpträume nach Kresniks Fassung des Shakespearschen "Macbeth". Damals war die längst vergessene Affäre Uwe Barschel der willkommene Anlass, den genervten Abonnenten das schottische Morddrama nahezubringen. Auch jene Arbeit schien der Jury eine Einladung nach Berlin wert. Damals wie jetzt war freilich auch ein zweiter Mann ganz wesentlich beteiligt. Der Wiener Malermonteur Gottfried Helnwein, ein dunkellockiger, engelhaft lieb aussehender Kunstbube, dessen Einfälle sogar abgebrühte Illustriertenmacher in tiefe Depressionen stürzen. In Stuttgart inszenierte Kresnik das offenbar unverwüstliche, jetzt eben wieder neu entdeckte Theaterstück "Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade" von Peter Weiss. Und Gottfried Helnwein erfand die Bühne und die Kostüme dazu. Zweifellos nicht nur dieses. Die Zusammenarbeit der beiden Herren ergab auch diesesmal einen Synergieeffekt, der das Ganze zu mehr macht als zu einer Summe der Teile. Aber wozu denn nur?
Es fängt fast so erheiternd und weiterbildend an wie der Fernsehabend zu Hause. Eine Filmcrew empfängt im Stuttgarter "Interconti" die Tenniscracks Steffi Graf und Boris Becker, beide im Arbeitsanzug, notdürftig getarnt durch dunkle Sonnenbrillen. Draussen warten die Mercedeslimousinen, die unterschiedslos fahren, was bezahlen kann. Wir beobachten das deutsche Traumpaar auf Stuttgarter Aue und Anger, folgen ihm, das Vergnügen beginnt sich abzukühlen, auf einen Friedhof, bis zu einem Grab, dessen Stilstufe von Literatur und Kunst enddefiniert ist: schlicht. Es ist die Grabplatte für Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Carl Raspe, Stammheim 1977.
Hitzig, schmierig, aggressiv
"Marat/Sade" ist vermutlich deshalb das Stück der Stunde, weil es erlaubt, das Thema Revolution in einem Augenblick zu diskutieren, in dem das Wort Revolution seinen Sinn verlor. Revolution heute ist ein Rotkäppchen. Unter der roten Mütze steckt die Restauration. "Marat/Sade" war deshalb schon vor ein paar Monaten in der Freien Volksbühne Berlin Thema heftiger Auseinandersetzungen (vgl. BaZ vom 5.12.1989), weil Klaus Emmerich das Stück zwar absolut textgetreu spielen liess, aber die Texte kamen sinnlos aus den Mündern von brabbelnden Idioten. Emmerich lehnte sich nicht gegen die Wirklichkeit auf, er machte sich nicht einmal mehr darüber lustig, er war nur noch zynisch. Kresnik und HeInwein inszenierten ein kreischendes, blutiges, triefendes Grand Guignol.
Marat (Peter Rühring), absolut porträtgetreu samt Badewanne nach dem berühmten Bild von Jacques Louis David, ist ganz der geschundene, zerfetzte, von seiner Krankheit zerfressene Visionär, der seine revolutionäre Verzweiflung wirkungslos ins Getöse der Fussballstadien, der Parlamente, der Discos, der Heimatshows am Fernsehen brüllt, ein magerer, bedauernswerter Schmerzensmann ohne jede Chance in einer schmierigen, hitzigen, aggressiven Umgebung. Am Ende des turbulenten Abends heben die Mitglieder der Nationalelf im Bundesdress das nackte, in Hassliebe ineinandergeschlungen Paar Marat-Corday wie eine erotische Trophäe hoch über sich, ein mörderischer Coitus, das Messer blitzt, und diesesmal fällt nicht Uwe Barschel ein, sondern Oskar Lafontaine. Wie Monstranzen werden schliesslich fünfzehn Farbfernseher mit laufendem Werbeprogramm hereingetragen, ein ökonomischer Kommentar zu der seelischen Wirklichkeit, die sich in der Wüstenei der Bühne abbildet.
Der Marquis de Sade (Claus Boysen), bis auf einen roten Minislip unter wallendrotem, mit blitzenden kleinen Metallpyramiden besetzten Mantel in weisser, fetter Nacktheit mehr Buddha als Sadist, war leider kein Gegenspieler für Marat. Boysen überbrüllt sich dauernd, hat die Allüre des überlegenen Staatsschauspielers, der Gnadenbeweise spielt statt seine Rolle, und zu oft ist er einfach unverständlich.
Gefühlsblasen
Unverständlich blieb freilich ohnehin manches. Dass der Schauspie1er Ben Becker den Tennisspieler Boris Becker spielt, ist ein theatralischer Treppenwitz. Warum er ihn überhaupt spielt, ist so rätselhaft wie die Gleichsetzung von Steffi Graf mit Charlotte Corday (Yvonne Devrient), die wollüstig mit Schlachtmessern spielt, ihre Schamhaare abrasiert bis das Blut hervorschiesst und verzückt zwischen weissen Küchenhockern ein sehr attraktives Bodenprogramm vorturnt. Aber eben, warum? Mal sind wir im Puff, mal beim Fasching, mal beim Rockfestival; mal Auspeitschung des Lüstlings, mal Wasserwerfer in die Menge, das Schmalz trieft aus den Lautsprechern, Bänkelsang, Schlager, Schnulze, Barmusik, Fussballersongs, nichts wird weggelassen, und dabei wäre es so gut gewesen, wenn sie was weggelassen hätten. Denn so, wie Kresnik alles meint, das Nazideutschland und das Frankreich nach der Revolution, die Wiedervereinigung und das Spiessertum, verfälschte Frauenbilder und bürgerlichen Wohlstandswahn, die emotionalen Gemütsblasen des "Deutschland, einig Vaterland", produziert er mal optischen Leerlauf, mal optischen Überlauf, so trifft er alle, und niemanden und nichts wirklich. Der Stuttgarter "Marat/Sade" ist ein ungezielter Rundschlag mit dem schwersten Hammer, den Kresnik finden konnte. Der Nagel, den er treffen wollte, sitzt längst bis zum Kopf in der Wand, jetzt kann er nur noch die Wand zertrümmern. Der Mann ist masslos, masslos begabt, masslos rücksichtslos, masslos unbeherrscht.
Natürlich war es ein Genuss. Als ob man in der Brandung sitzt, man sieht nichts, es rauscht wahnsinnig, es ist nass, man weiss nicht, wo oben und unten ist, man muss die Hose festhalten, aber es ist toll. Ob das die Idee ist, nach der Theater antritt, fragen wir gar nicht mehr. Das Stuttgarter Publikum, abgehärtet ohnehin und seherfahren, klatschte endlos.




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