7 mai 1990
Stuttgarter Nachrichten
Feuilleton
Peter Kümmel
Einladung zur Nightshow Großdeutschland
Johann Kresnik inszeniert "Marat/Sade" von Peter Weiss am Staatstheater Stuttgart
Kresnik und Helnwein machen Theater, wie die Redakteure von Boulevardblättern Überschriften titeln: spekulativ, schnell, reißerisch, kühn. Ihr Theater kämpft gegen Menschenverachtung - und vibriert, im Gegenschlag, vor Hohn. Es hat keine "subtilen Momente", keine Ruhepunkte, es verabreicht "Dröhnungen" wie ein Hardrockkonzert. Dieser "Marat/Sade" ist ein mit hohem darstellerischem Einsatz und technischem Aufwand inszenierter Gegenschlag. Ein Schlag in Watte ins Chimärengesicht der "Öffentlichkeit". Geschlagen fühlt sich keiner. In Kresniks Spiegel mag man sich noch nicht wiedererkennen, auch wenn man fürchten mag, daß sein Horror wahr werden könnte. Nun ja, wir werden es sehen, daheim an den Bildschirmen.
Im Mai 1976 gelang Claus Peymann, dem damaligen Stuttgarter Schauspielintendanten, ein Skandal. Im Anschluß an seine Inszenierung der "Gerechten" von Camus zeigte er, im Schlußapplaus, noch einen kleinen Film. Da sah man eine Straßenbahn durch die Stadt fahren, und ihr Ziel war Stammheim. Eine Provokation, weiche die brave Applausgemeinschaft polarisierte: Die einen (eher die älteren) brüllten Buh, die anderen (eher die jüngeren) verteidigten jubelnd den Regisseur.
Johann Kresnik, der Chef des Bremer Tanztheaters, knüpft, genau 14 Jahre später, an diese Peymann-Tat an. Er inszeniert Peter Weiss' Revolutionsstück "Marat/Sade", und bevor das Theater losgeht, zeigt er uns ein blasses, bewußt unscharfes Filmchen. Ein Pärchen in Tenniskleidung - sie (Yvonne Devrient) sieht aus wie eine blonde Weltranglistenerste, er (Ben Becker) erinnert an einen rotblonden Weltranglistenzweiten - fährt da in dunkler Limousine durch Stuttgart. Die Fahrt endet am Grab von Andreas Baader, Jan-Carl Raspe und Gudrun Ensslin. Eine Rose fällt aufs Grab, in Großaufnahme.
Die Szene ist ein Abschied von gestern. Für einen Skandal reicht sie nicht; dazu ist die Gesellschaft derzeit viel zu liberal. Sie nimmt hin, daß "Steffi Graf" sich im Lauf des Abends als Charlotte Corday, die Mörderin Marats, entpuppen wird. Und sie nimmt das Plakat draußen vorm Theater bloß lächelnd zur Kenntnis. Kresniks Bühnenbildner Gottfried Helnwein hat es eilig angefertigt. Darauf sieht man einen liegenden Kopf, und darüber die Schlagzeile: "Attentat auf Marat".
Als Kresnik und Helnwein 1988 in Heidelberg den "Macbeth" inszenierten, ließen sie mit Macbeth auch Uwe Barschel noch einmal sterben. Wenn sie nun Marat ins Messer seiner Mörderin laufen lassen, wird auch Oskar Lafontaine noch mal zum Opfer. Und wenn sie sich Peter Weiss's Stück über die Französische Revolution und die Restauration vornehmen, dann wird daraus ein Stück über die "Deutsche Revolution" und deren Ende.
Bei Peter Weiss wird die Bühne am Ende vom Wahnsinn, von der Anarchie, von der Gewalt in Besitz genommen: Die Irren und Ausgestoßenen, die zwei Stunden lang nur Revolution spielen, wollen nun wirklich frei sein. In Kresniks Inszenierung regiert zuletzt, viel schlimmer, das Fernsehen (also der Tod). Marat, der nackte Revolutionsführer, und Charlotte Corday, seine Mörderin, liegen eng umklammert im Staub. Komparsen nehmen sie hoch, transportieren sie ab wie ein zum Denkmal erstarrtes Liebespaar und setzen ein Dutzend Bildschirme auf die Bühne: Media Overkill.
Kresniks Inszenierung ist ein höhnischer Abgesang auf die deutsche Revolution und eine grelle Vorschau auf die Wiedervereinigung. Sie gibt sich wie eine in die Zentrifuge geratene TV-Show. Die Dispute zwischen Sade (Claus Boysen) und Marat (Peter Rühring) werden von "Showblöcken" unterbrochen, kommentiert, verhöhnt. Boysen (fettbäuchig, aufgemacht wie ein Sumo-Ringer) spielt den Sade als den pompösen,. schnarrenden, sentimentalen Master einer philosophischen Talkshow. Mit seinem Antipoden, Marat, führt er eher herablassende Interviews als Dispute. Peter Rühring sitzt verloren in seiner Wanne wie ein redlicher Saalkandidat: der sozialistische Führer, gönnerhaft eingeladen zur "Nightshow Großdeutschland".
Wie schon in seinem Tanztheaterstück "Ulrike Meinhof" bedient sich Kresnik des deutschen Schlagers, um deutsche Verdrängungsanstrengungen zu verraten. Er liebt die halb vergessenen, tief im Gedächtnis verwurzelten Schnulzen, und er läßt sie grell exekutieren. Er pflegt eine Haß-Liebe zur deutschen Gemütlichkeit, und er weiß, warum: Karl Moiks "Musikantenstadl" war die erste Unterhaltungsshow, die live aus der DDR gesendet wurde.
Wir sind das Volk - und das Volk will Musik. Ben Becker brüllt das Publikum im Rap- und Hiphop-Rhythmus an, Sade singt lässig mit, und wir sollen darin den mörderischen Trampeltakt des Kapitals erkennen. Die Korruption ist total, die "Öffentlichkeit" eine Chimäre: Das Volk will Bananen. Kresniks Figuren: lauter Fratzen aus dem "Aber-Hallo"-Deutschland, Playback-Identitäten, die bereitwillig den Gedankensprung von 'Zickezacke, zickezacke, hoi, hoi hoi' zu 'Sieg Heil' in die Tat umsetzen.
Helnweins weißes Bühnenbild besteht aus monströs gekippten und perspektivisch verzerrten Fassaden mit blinden Fenstern, es wirkt wie das nach rechts gekippte, halb in den Boden eingebrochene "deutsche Haus". Die Schauspieler erklimmen diese Schräge keuchend, und sie kollern polternd herab. Geschichte als Seifenschlacht.
Kresnik und Helnwein machen Theater, wie die Redakteure von Boulevardblättern Überschriften titeln: spekulativ, schnell, reißerisch, kühn. Ihr Theater kämpft gegen Menschenverachtung - und vibriert, im Gegenschlag, vor Hohn. Es hat keine "subtilen Momente", keine Ruhepunkte, es verabreicht "Dröhnungen" wie ein Hardrockkonzert. Dieser "Marat/Sade" ist ein mit hohem darstellerischem Einsatz und technischem Aufwand inszenierter Gegenschlag. Ein Schlag in Watte ins Chimärengesicht der "Öffentlichkeit". Geschlagen fühlt sich keiner. In Kresniks Spiegel mag man sich noch nicht wiedererkennen, auch wenn man fürchten mag, daß sein Horror wahr werden könnte.
Nun ja, wir werden es sehen, daheim an den Bildschirmen.




vers le haut