30 mai 2012
Kölner Stadt-Anzeiger
Damian Zimmermann
Sofortbilder für die Ewigkeit
NRW-Forum Düsseldorf
Im NRW-Forum in Düsseldorf ist nun eine Auswahl von rund 400 Bildern aus der „geretteten“ Polaroid-Collection zu sehen. Unter den ausgestellten Fotografen sind zahlreiche Berühmtheiten vertreten: Walker Evans, Robert Mapplethorpe und Stephen Shore, Helmut Newton, Oliviero Toscani und Daido Moriyama sind genauso dabei wie die Pop-Art-Ikonen Andy Warhol und Robert Rauschenberg oder Gottfried Helnwein.
Untitled
polaroid, 1987, 52 cm x 70 cm / 20'' x 27''
Das NRW-Forum Düsseldorf zeigt rund 400 Bilder aus der legendären Polaroid-Sammlung. Zahlreiche Berühmtheiten wie Andy Warhol, Robert Mapplethorpe, Gottfried Helnwein und Helmut Newton sind dort zu sehen. Die Ausstellung gibt vor allem einen Überblick.
Obwohl Polaroid 2008 Insolvenz angemeldet hat, erscheint das Medium Sofortbild aktueller denn je: Ausgerechnet in der Digitalfotografie hat es seinen Einzug erhalten – in Form von Apps wie Hipstamatic, die die mit dem Smartphone geknipsten Fotos aussehen lassen, als wären sie just aus einer alten SX-70 gesurrt.
Dass die Bilder einen ganz besonderen Reiz haben, ist unbestritten. Das wusste bereits Polaroid-Gründer Edwin Land, der das revolutionäre Verfahren 1947 vorgestellt hatte. Zusammen mit der Fotografie-Ikone Ansel Adams kam ihm die Idee, eine eigene Sammlung aufzubauen. Der Gedanke dahinter: Künstler und Fotografen sollten das Polaroid-Filmmaterial testen und so an der Entwicklung und Verbesserung mitwirken. Auf diese Weise sind gleich zwei Sammlungen entstanden – eine in den USA mit dem Schwerpunkt auf amerikanische Fotografen und eine in Europa, die international ausgerichtet war.
Entsprechend groß war der Schreck in der Fotoszene, als die Sammlungen mit insgesamt über 16 000 Polaroids als Teil der Konkursmasse versteigert werden sollten. Der Wiener Unternehmer Peter Coeln konnte zumindest den europäischen Teil in seiner Gesamtheit mit insgesamt 4400 Bildern von 800 Fotografen erwerben – die amerikanische wurde hingegen aufgelöst und die Arbeiten einzeln versteigert.
Im NRW-Forum in Düsseldorf ist nun eine Auswahl von rund 400 Bildern aus der „geretteten“ Polaroid-Collection zu sehen. Unter den ausgestellten Fotografen sind zahlreiche Berühmtheiten vertreten: Walker Evans, Robert Mapplethorpe und Stephen Shore, Helmut Newton, Oliviero Toscani und Daido Moriyama sind genauso dabei wie die Pop-Art-Ikonen Andy Warhol und Robert Rauschenberg oder Gottfried Helnwein. Wobei man bei einigen Bildern das Gefühl hat, dass das NRW-Forum sie nur wegen des dazugehörigen Big Names dahinter ausstellt – leider reißt einen längst nicht alles zu Begeisterungsstürmen hin.
Das liegt daran, dass die Ausstellung in erster Linie einen Überblick über die gesamte Sammlung geben möchte. Und die meisten Fotografen haben einfach so weiterfotografiert, wie sie es immer getan haben. Inhaltlich am spannendsten ist deshalb vor allem der Bereich der Ausstellung, in dem gezeigt wird, wie Fotografen mit dem neuen Medium experimentiert haben. Zwei wesentliche Tendenzen sind dabei zu beobachten: Zum einen manipulierten sie das Polaroid, indem sie es zerkratzten, die oberste Schicht abtrugen, es zerschnitten oder übermalten, es während der Entwicklungsphase Hitze oder Kälte aussetzten oder direkt auf die Emulsionsschicht einwirkten.
Eine andere Möglichkeit ist, die Schnelligkeit des Polaroids für weitere Aufnahmen zu nutzen, indem das Foto bereits zwei Minuten nach der Aufnahme in einer folgenden Szene integriert oder zu Collagen zusammengestellt werden konnte. Oliviero Toscani hat dies mit Andy Warhol und Jeanloup Sieff mit seinem eigenen Selbstporträt gemacht, Lucien Clergue hat einen Drachenflug collagiert, und James Nitsch spielte mit Vorder- und Hintergrund und dem Thema Vergänglichkeit in der Fotografie, indem unter seinem Polaroid eine echte und mittlerweile stark verrostete Rasierklinge hervorschaut. Ein Polaroid ist für die meisten dieser Aufnahmen nicht zwingend nötig gewesen, aber die einfache Handhabung und das sofortige Ergebnis haben verspielte Experimente stark unterstützt.
Und was machen Fotografen heute mit dem Medium Sofortbild? Auch dieser Frage geht die Ausstellung nach und zeigt Arbeiten von Nobuyoshi Araki und Stefanie Schneider, die mit dem neuen Polaroid-Filmmaterial arbeiten, das die Firma Impossible in der alten Fabrik in Enschede herstellt und die ebenfalls in der Sammlung vertreten sind. Während Arakis gefesselte Frauen plötzlich gar nicht mehr doppeldeutig, sondern wie private Schnappschüsse aus dem heimischen SM-Keller wirken, ist die genau kalkulierbare Retro-Ästhetik zwischen Vergänglichkeit und Entrücktheit in den Arbeiten Stefanie Schneiders ohne das Polaroid gar nicht denkbar. Höchstens noch mit der entsprechenden App auf dem Smartphone.




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