5 juillet 2004
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Kultur
Christoph Schütte
Wahrheit und Lüge
Zwei Ausstellungen im Neuen Kunstverein Aschaffenburg
Andy Warhol sieht furchtbar aus. Blaß, übernächtigt und jedenfalls nicht in Bestform. William S. Burroughs posiert pikanterweise mit einem Revolver, und Michael Jacksons Gesicht erscheint als das, was es ist: perfekte Fassade. Kaum eines der von Gottfried Helnwein aufgenommenen Schwarzweißfotos berühmter Persönlichkeiten - von Lou Reed über die beiden wunderbaren Aufnahmen des alten Charles Bukowski bis zur schon beinahe aufdringlich nett in die Kamera blickenden Leni Riefenstahl - möchte man im Ernst als schmeichelhaft bezeichnen. Gerade das aber ist es, was seine in den achtziger Jahren begonnene Porträtserie "Faces" auszeichnet: Helnweins Bilder, die derzeit im Neuen Kunstverein Aschaffenburg zu sehen sind, erzählen vermutlich mehr von den Menschen, als ihnen lieb ist.
Andy Warhol
silver print, 1983, 66 cm x 99 cm / 25'' x 38''
"Sammeln - Portraitfotografie", so der Titel der aus der Sammlung der DZ-Bank zusammengestellten Ausstellung, konzentriert sich mit sieben hervorragenden Positionen vor allem auf die konzeptuelle Bearbeitung eines klassischen Genres. Zwar steht das Porträt in allen gezeigten Serien im Zentrum, die künstlerische Herangehensweise aber ist denkbar unterschiedlich. Während etwa Piotr Uklanski mit "The Nazis" und Dennis Adams mit "Patricia Hearst - A thru Z" sich anhand vorgefundener Medienbilder auf eindrückliche Weise mit der Konstruktion von Realität beschäftigen, läßt sich Jochen Gerz für "Die Zeugen" von einem eher dokumentarischen Ansatz leiten.
Knapp 50 Interviews liegen der Serie zugrunde, die der Künstler in der Woche der Urteilsverkündung gegen Maurice Papon mit Frauen aus dessen Generation geführt hat. Gerz wertet nicht, denunziert nicht, sondern läßt jedes dieser Porträts, jede der ins Bild gerückten Aussagen gelten, die um Wahrheit und Lüge, Verzeihen und Vergessen, um Kollaboration und Résistance kreisen. "Die Wahrheit", heißt es einmal, "ist eine Frage des Alters." Vor allem aber, so legt "Die Zeugen" nahe, ist sie eine Frage des Erinnerns, der Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen. Zu den eindringlichsten Exponaten einer insgesamt schlüssig konzipierten Ausstellung gehört fraglos Christian Boltanskis bekannte Arbeit "Gymnasium Chases", in deren Mittelpunkt gleichfalls die Erinnerung und das Vergessen stehen. Ein altes Klassenfoto von einem jüdischen Gymnasium in Wien, 1931 aufgenommen, lieferte dem französischen Künstler die Vorlage. Junge Menschen, die scheinbar fröhlich in die Kamera und in die Zukunft blicken und von denen vermutlich kaum einer den Naziterror überlebt hat. Ein einziger hat sich auf dem Foto wiedererkannt, von den anderen weiß niemand, was aus ihnen geworden ist. Von jedem der 23 auf dem Foto Abgebildeten hat Boltanski mittels Ausschnittvergrößerung ein Porträt angefertigt, dunkle, tiefschwarze Bilder voller Unschärfen, die sich mehr und mehr aufzulösen scheinen, je näher man ihnen zu kommen trachtet.
Parallel zu der Fotokunstausstellung sind im "KunstLANDing" Zeichnungen und Ölbilder des seit vielen Jahren in Frankreich lebenden chinesischen Künstlers Yan Pei-Ming zu sehen, der sich in seinem Schaffen gleichfalls ganz auf das Porträt konzentriert. Auch Pei-Ming geht stets seriell vor, wenn er seine Gesichter aus energisch und pastos auf die Leinwand gesetzten weißen, schwarzen und grauen Farbmassen herausarbeitet oder sie, gerade umgekehrt, darin versinken läßt. Insofern erscheint die gleichzeitige Präsentation immerhin nachvollziehbar, aber nicht wirklich glücklich, fürchtet man doch ein wenig um die angemessene Würdigung der Malerei in dem von der Fotografie beherrschten Kontext. Es sind starke, bewegende Bilder - Selbstbildnisse, Kinderporträts oder solche von Illegalen und Marginalisierten -, Bilder, die Individualisierung und Anonymisierung gleichermaßen zum Thema haben und sich in diesem Spannungsfeld eindrucksvoll behaupten.
Bis 18. Juli Dienstag von 14 bis 19 Uhr, Mittwoch bis Sonntag von 11 bis 17 Uhr geöffnet.
Kultur, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 05.07.2004, Nr. 153, S. 41
William S. Burroughs
silver print, 1990, 66 cm x 99 cm / 25'' x 38''




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